Hilla Palm hat mein Herz im Sturm erobert.
Und Ulla Hahn wird die Ehre zuteil, in meiner kleinen Literatursammlung die erste Autorin zu sein, die zweimalig erwähnt wird. Verdient hat sie es sich mit der Passage über Hillas Abschied aus dem Heimatort Dondorf.

Wie meine Westentasche, sagt man, wenn etwas sehr vertraut ist. Doch gehört man wirklich an einen Ort oder sogar zu einem Ort, so ist das mehr. Es ist, als habe man mit einem fühlenden und denkenden Wesen zusammengelebt. Eine Vertrautheit, wie sie in einer treuen Freundschaft, besser, Kameradschaft, reift. Denn das Dorf war ja nichts, was ich mir hatte aussuchen können wie einen Freund. Es war Kameradschaft. Wir hatten miteinander auskommen müssen. Durch dick und dünn.

Hillas Kindheit in den 1950er und 1960er Jahren geprägt war von Armut, Entbehrung und Härte, einem wenig liebevollem Umgang miteinander, den Schlägen des Vaters, der beinahe fanatischen Religiosität der Großmutter und dem schmerzhaften, frühen Verlust des geliebten Großvaters. Diesem tristen Alltag entflieht sie, indem sie sich in die Welt der Literatur zurückzieht. Auch über die Zeit ihrer Jugend bleibt sie ihren Büchern treu, und trotz diverser Liebeleien, die sie aber immer mehr erduldet als genießt, bleibt der Bruder ihr einziger Vertrauter.

Das Ende der glücklichen Kindheit kommt jäh, als Hilla auf dem Nachhauseweg von einem Kirchenfest Opfer einer Vergewaltigung wird. Fortan zieht sie sich noch weiter aus ihrer Umwelt zurück, wird zur Einzelgängerin, verschmäht sogar die Romane und Gedichte, die ihr Leben in den Jahren zuvor so bereichert hatten. Man leidet förmlich mit ihr, will ihr dabei helfen, diese schreckliche Situation zu meistern, fühlt sich mitgefangen in ihrer Leidenskapsel und verzweifelt gemeinsam mit Hildegard regelrecht daran, dass ihr Schmerz und ihre Verzweiflung in ihrer Umgebung offensichtlich niemandem auffallen.

Doch sie ist eine Kämpfernatur, diese Petra Leonis (diesen Namen hat sie sich im Lateinunterricht am Aufbaugymnasium selbst gegeben). Die junge Frau geht unbeirrt ihren Weg hinaus ins Leben; einen Weg, der sie unweigerlich aus dem piefigen Arbeiterort Dondorf mit seinem Traditionalismus, seiner provinziellen Spießigkeit und der Gleichgültigkeit gegenüber dem Schöngeistigen wegführen muss. Ihre Leidenschaft waren, sind und bleiben die Bücher, und dafür ist in der Dondorfer Gesellschaft kein Platz, sodass sie am Ende des Buches die Segel setzt und Kurs auf Köln nimmt, wo sie sich dem Studium der Philologie widmet.

Viele Kritiker und Rezensenten haben bemängelt, dass das Buch langatmig sei, dass zu viele Episoden der Zeitgeschichte behandelt würden, dass dem Buch die Lebendigkeit abgehen würde, die „Das verborgene Wort“ ausgezeichnet hatte. Ich kann mich dem nicht anschließen: Noch nie zuvor habe ich eine so lebhafte Darstellung darüber gelesen oder gesehen, wie in den späten 1950er und den frühen 1960er Jahren das Wirtschaftswunder die Lebensbedingungen der Menschen verändert hat und welche gesellschaftlichen Umwälzungen der Auschwitz-Prozess oder das Zweite Vatikanische Konzil hervorriefen. Hilla entdeckt die Welt dieser Zeit nicht nur für sich selbst, sondern auch für mich als Leser, der diese Epoche ja gar nicht miterlebt hat.

Ich freue mich jedenfalls schon heute auf die Fortsetzung „Spiel der Zeit“.

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