In Ulla Hahns Roman „Das verborgene Wort“
liebe ich die Szene, in der Hilla Palm während ihrer Zeit als „Industriekaufmannsgehilfenlehrling“ während ihrer stupiden Knicken / Lochen / Abheften-Tätigkeit gedankenversunken den Panther aus Rainer Maria Rilkes gleichnamigem Gedicht aus der Gefangenschaft befreit.

Auf einmal hebt der Vorhang der Pupille / sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein / fährt in das Tier. Sein angespannter Wille / bricht freie Bahn sich in die Welt hinein.

Mit wenigen Worten gibt Hildegard – so ihr richtiger Name – dem Gedicht einen völlig anderen Sinn; es gelingt ihr, selbigen in sein komplettes Gegenteil zu verkehren. Das versinnbildlicht das Motiv, welches sich durch das gesamte Buch zieht: So wie sie den Panther befreit, entflieht auch das Mädchen selbst Seite für Seite kraft seiner Phantasie und der Macht der Worte aus seinen Büchern dem tristen Alltag, welcher geprägt ist vom strengen, proletarischen Vater, von der Mutter, von der Hilla nicht viel zu erwarten hat, und von der erzkatholischen Großmutter. Einem Alltag, in dem es (noch) nicht vorgesehen ist, dass Kinder – insbesondere Mädchen – lesen und schreiben, lernen und wissen, denken und ihr eigenes Leben leben, sondern in dem es für sie einzig um das Gehorchen, Dienen, Funktionieren und Ertragen geht.

Doch Hilla rebelliert. In der Welt der gedruckten und geschriebenen Worte findet sie ihren Zufluchtsort vor der harten, grauen Realität des Deutschlands der Nachkriegsjahre. Sie bricht aus dem starren Korsett der Bevormundung, sie emanzipiert sich und geht ihren Weg, sie erarbeitet sich ihre Freiheit, so wie sie dem Panther mit ihren Worten den Käfig öffnet – auch wenn sie mit ihrem Reim schließlich nicht gänzlich zufrieden ist:

Zweimal ›hinein‹. Aber der Panther war draußen.

Danke, Ulla Hahn, für dieses bezaubernde Buch! Und für Hilla – die Schwester im Geiste.

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